Alun Rowlands thematisiert die Suche nach individuellen Lebensformen.Vorgestellt wird die gelebte Utopie einer neu ergründeten Lebensform auf einer ehemaligen Helikopter-Landeplattform, dem Mikrostaat „Sealand“ in der Nordsee. Dieser Staat als System hinterfragt die Demokratie, in dem es selbst immer wieder seine Form verändert und von den dort ansässigen Menschen, ihren Aktionen und Bewegungen neu gestaltet wird. Die Installation dokumentiert die Suche nach einer Idealform, die gegen alle widrigen Umstände verteidigt werden muss.

Sealand

The Insel 'Sea Land' in der Nordsee

Die Vagabunden und Korsaren des 18. Jahrhunderts schufen ein weltweites Informationsnetz. Abtrünnige Kommunen handelten mit Luxusgütern und Grundbedarf und lebten bewusst abseits des Gesetzes. Über das Netz verteilt lagen Inseln, entlegene Verstecke und Zufluchtsstätten, die ausschließlich dem Zweck dienten, dunkle Geschäfte zu betreiben. Einige dieser Inseln unterstützten Gemeinschaften, ganze Mikrogesellschaften, die von dem Überschuss der gesellschaftlichen Produktion lebten.

Landkarten sind politisch abstrakte Gitternetze. Sie sind ungenau. Sie sind undurchdringlich. Kartographie der Kontrolle. Da jedoch die Karte eine Abstraktion ist, kann sie die Erde nicht im übereinstimmenden Maßstab von 1:1 bedecken.Wir suchen nach Räumen (geographischen, sozialen, kulturellen, imaginären). Räume, die potentiell als autonome Zonen erblühen können. Räume, die den Kartenzeichnern entgangen sind.

Wir wollen über Räume spekulieren, in denen sich freiheitliche Ideen mit auf biologischen Grundlagen basierenden Vermutungen mischen. Unsere Erzählung geht davon aus, dass der Verfall von politischen Systemen zu einer dezentralisierten Zunahme von experimentellen Lebensweisen führen wird: riesige arbeitereigene Kooperativen, Kommunen, unabhängige Zufluchtsstätten, arbeitsfreie Enklaven, liberalisierte Zonen, sozial autonome Zonen, ökologische Gebiete.

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Temporäre Autonome Zone

Die Angreifer des Mittelalters gründeten einen „mobilen Staat“, der aus einem Netzwerk abgelegener Gebirgstäler bestand, die Tausende von Kilometern voneinander entfernt und über die Informationsweitergabe durch Geheimagenten miteinander verbunden waren. Ein heimlicher Austausch ausschließlich der Information gewidmet. Ein Lager von schwarzen Zelten unter dem Sternenhimmel.

Wir wollen eine Band gründen, deren Mitglieder einen Schwur auf die Liebe ablegen. Eine horizontale Struktur aus Sitten, weiteren Verwandtschaften, Bündnissen, spiritueller Verbundenheit, Freunden, Liebhabern, Gruppen, Netzwerken, Briefkontakten

Wir sind der Meinung, dass der Keim der nächsten Gesellschaft unter der Schale der jetzigen liegt. Sippentreffen im Stil der 60er Jahre.Waldkonklaven. Saturnalien. Idyllischer Polytheismus. Anarchistenkonferenzen. Fanzine Netzwerke. Jogakreise. Nachtklubs. Picknicks. Gruppen im Einklang bemüht, ihre gemeinsamen Wünsche zu befriedigen, nach Essen, Glück, Tanz, Unterhaltung, erotischem Vergnügen oder um ein gemeinsames Kunstwerk zu erschaf58 fen, oder Glückseligkeit zu erlangen.

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Temporäre Autonome Zone

Unser Drama spielt sich alltäglich in Städten oder Staaten ab. Es herrscht ein ständiger Fluss zwischen dem neu Erzeugten und wieder Belebten. Klugheit und taktisches Vorgehen gespickt mit einer utopischen Vision. Leider scheitert das Erstere oftmals daran, das Letztere zu inspirieren.Wieso interessieren uns diese Erzählungen so sehr? Utopien sind immer attraktiv. Selbst wenn sie nicht funktionieren.Wir lieben Utopien. Denken wir an alternative Idealmodelle von Platons Der Staat bis Le Corbusiers Strahlende Stadt. Vielleicht deshalb, weil sie ein ewiges Verlangen nach einem perfekten System symbolisieren. Künstler haben viele Utopien geschaffen. Optimisten schaffen keine Utopien.Vielleicht sind Utopien ein Ausdruck von Verzweiflung und Niedergeschlagenheit.Wir fühlen uns hingezogen zu all dem, was Bedenken in den Wind schlägt.

„Ja! Aufstand“ so oft wie möglich.Wir haben das Warten auf die Revolution aufgegeben.Wirhaben den Wunsch verloren.

Wir suchen Abenteuer.Wir sind Nomaden.Wir lassen uns von fremden Sternen leiten. Leuchtende Informationsbündel. Halluzinationen.Wir lesen Lyotards Driftworks. Ein Ort ist nicht besser als der andere.Wir werden getrieben von Verlangen und Neugierde.Wir sind Wanderer mit oberflächlichen Loyalitäten.Wir sind Künstler, Intellektuelle, Dandys, Gastarbeiter, Flüchtlinge,Touristen, Jedermann.Wir leben durch unsere Autos, Urlaube, Fernsehen, Bücher, Filme,Telefone, wechselnde Arbeitsstellen, wechselnde Lebensstile, Religionen und Diäten.

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Temporäre Autonome Zone

Die Münchner Räterepublik von 1919 zeigte uns, dass Dichter und Dichtung die Grundlagen einer Revolution bilden sollten. Sie wollten große Teile Bayerns einem Experiment für alternatives Leben zuführen. Es sollte ein freies Schulsystem eingeführt, sowie ein Theater des Volkes gebaut werden. Ihre Ideen wurden von den Wandervögeln - der Neoromantischen Jugendbewegung, den Expressionisten, der Arbeiterklasse und der Münchner Boheme unterstützt. Sie wurden abgetan als „Kaffeehaus-Republikaner“ und ihre Bemühungen scheiterten bald. Alles hätte so anders sein können. Stell dir vor, die Luft dieser imaginären Stadt zu atmen.

Dies ist mehr als nur ein Essay, ein Versuch, ein Vorschlag, poetische Fantasterei.Wir kreisen um das Thema. Das Bild des Horizontes löst sich auf. Dort, wo das Blaue des Himmels sich mit dem Meer trifft. Es gibt kein Werden. Keine Revolution. Keinen Kampf. Keinen Weg. Und schon sind wir die Monarchen unseres eigenen Körpers. Unsere unantastbare Freiheit wartet darauf vollendet zu werden; so dringend wie das Blaue vom Himmel.

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“Sealand” (Erstest Bild) von ©Ryan Lackey CC BY